Schlagwort-Archiv: Dora Osinde

Ich will euch doch nur gefallen.

Mein Ego ist eine kleine rothaarige Babykatze, die gestreichelt werden will. Das hat nichts damit zu tun, dass meine Mutti mich nicht genug beachtet hat als Kind oder so ähnlich, sondern mit den Eigenschaften die kleine Babykatzen so an sich haben, weil man es ihnen ab Tag 1 auf dieser dunklen, kalten Welt so beibringt: Sie wollen gefallen. Sie müssen gefallen. Es ist ihre Daseinsberechtigung, sie erfüllen ja sonst keine Funktionen.

Die Wahrheit:

Ich will eure Daumen. Ich will sie wegen der kleinen rothaarigen Babykatze. Und wenn die Dozentin fragt, wer von “Ihnen” schon mal ein Bild hochgeladen hat, damit jemand anders den roten Button der Selbstverliebtheit drückt und sich keiner meldet (nicht mal ich) dann kitzelt es in mir drin, weil die Babykatze versucht durch meinen Bauchnabel auf den Tisch zu springen, sich vor der Seminargruppe aufzubauen und zu sagen: “Ja, ich!”

Der Unterschied:

Film, Foto, Text, alle Bilder die wir malen, sind dazu da, dass ihr sie seht. Ich will dich begeistern, ich will, dass du Pippi in den Augen hast, vielleicht will ich auch, dass du aufstehst und den Raum verlässt. Aber ich brauche dich. Du bist der “reality check”, wenn man so will. Das ist wie mit dem Baum im Wald, der umfällt und keiner hat’s gehört. Wenn niemand, beispielsweise “Annie Hall” gesehen hätte, dann wüsste auch keiner, dass Woody Allen der Größte ist. Kunst braucht Publikum, genau wie die Babykatze. Es gibt einen Punkt, an dem hat man sich damit abgefunden, dass man von Wenigen manchmal aber auch von unglaublich Vielen Scheiße gefunden wird. Das ist auch okay so, denn man redet sich dann ein, man mache das alles für die Kunst und für sich selbst. Das stimmt ja irgendwie auch ein bisschen, denn wenn ich meine Zeit in Spanien mit lustigen bunten Zügen, die von links nach rechts durchs Bild fahren, verarbeite, dann bedeutet dir das wahrscheinlich gar nichts. Da geht es ja auch um mich. Aber trotzdem schnurrt die kleine rothaarige Babykatze zufrieden, wenn du ihr deine virtuelle Zuneigung schickst, auch wenn du nicht mal geschnallt hast, dass es da um Spanien und Züge geht. Wenn du es aber doch schnallst, dann haben wir eine Brücke gebaut aus Katzenhaaren, Kunst und Liebe. Das ist der Moment um den es geht.

Im Ernst:

Meine kleine rothaarige Babykatze habe ich nur erfunden.

Das Ergebnis:

Wir wollen euch doch nur gefallen. Wer sagt er macht die Kunst nur für sich und nur für sich allein, der hat mit ganz großer Sicherheit eine tobende Babykatze im Bauch. Ganz sicher.

 

Note: It’s a new day. (25.05.2011)

Sand im Getriebe.

Über den Nutzen des Medienwissenschaftlers.

Irgendwann in diesem Semester bat ein Dozent mich und meine Kommilitonen kurz vor
Beginn seines Seminares aus den aufgereihten Stühlen einen Stuhlkreis zu bilden. In den
Gesichtern um mich herum war innerhalb weniger Sekunden von wildem Mut bis blanker
Verzweiflung alles abzulesen, nur leider nahm kein einziger einfach einen Stuhl in die Hand.
Einer übernahm dann die Führung, es wurde über die beste Lösung verhandelt und dann
wurden die Stühle aufgestellt. Ich fragte mich an diesem Tag: Was ist denn bloß los mit
uns? Andere lösen Probleme schnell und effizient. Sie retten Leben oder erfinden Dinge,
erforschen das Universum. Die meisten Menschen sehen am Ende eines Tages das Ergebnis
ihrer Arbeit. Sie nützen der Gesellschaft in dem sie sichtbar produktiv sind oder für Wohlfahrt
sorgen. Es drängt sich also die Frage auf: Wozu das alles? Wozu Medienanalyse? Wozu
Medientheorie? Was hat die Welt davon, dass wir im Kreis sitzen und über diese Dinge
sprechen und an eben diesem Stuhlkreis beinahe scheitern?

Gehen wir der Sache auf den Grund, und lesen nach was andere
dazu meinen. Doktor Christian Kortmann nennt die Geisteswissenschaften in
seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung eine „unverzichtbare Schule der Lebensklugheit“,
er meint: „Grundbücher wie “Dialektik der Aufklärung” oder “Kritik der Urteilskraft” zu lesen
und zu verstehen, ist wie ein Schutzschild, um als Individuum im Kapitalismus, der weder
Konkurrenz noch Alternativen kennt, nicht unter dem anschwellenden materialistischen
Grundrauschen zu ertauben.“ Professor Rudolf Schlögl von der Uni Konstanz sagt in einem
Interview mit dem Spiegel „Geisteswissenschaften sind an sich nicht nützlich, sie sind der
Sand im Getriebe der Pragmatik.“

Gefällt mir gut, was die Herren da meinen. Es geht also um Alternativen. Wir befassen uns
mit dem Vergangenen und könnten Alternativen für die Zukunft aufzeigen. Aber was das
konkret bedeuten soll, müssen wir uns offensichtlich selbst überlegen.

Spielen wir es doch mal durch, für einen Absolventen der Medienwissenschaft. Wie genau
könnte der sich zum „Sand im Getriebe“ machen? Konkret, sollten wir nach unserem Studium
eine ganze Menge Wissen über Medien angesammelt haben. Über Medienwirkungen und die
Verflechtung der Gesellschaft mit den Massenmedien. Wir sollten wissen, dass die Inhalte,
die Rezipienten angeboten werden, sie nicht unberührt lassen. Jeder einzelne von uns sollte
eine Position gefunden haben, zu Nacktheit, Gewalt und Konsum in den Medien. Wir sollten
zumindest an uns selbst festgestellt haben, was sie mit uns und unserem Selbstbild machen
und daraus ableiten können was sie unter Umständen mit anderen machen. Und – das ist das
Entscheidende – wir können es ablehnen. Wir können Fragen stellen und uns einmischen.

Unser Beitrag kann sein, den Menschen zu helfen mit der Überforderung der aktuellen Medienlandschaft umzugehen. Erstens, muss immer mehr Wissen abgerufen werden, um die technischen Herausforderungen zu meistern. Wer die Technik bedienen kann und schnell genug ist, kommt zum Zug. Nur Recht hat er deswegen noch lange nicht. Zweitens, ist jedem
alles immer zugänglich oder es wird ihm aufgedrängt. Woher kommt die Kompetenz die
Flut an Informationen zu filtern? Unser Beitrag kann sein, unser Wissen um die Wirkung
von und über den Umgang mit Medien zu teilen. Unser Beitrag kann sein, für Langsamheit
und Bedacht zu sorgen. Unser Beitrag kann sein, die Frage zu stellen, was es über unsere
Gesellschaft aussagt, dass Unterhaltung ein so wesentliches Gut ist, dass Fernsehsender mit
dem „Recht auf Fernsehen“ werben und Fussballspieler, Popstars und Moderatoren mehr
verdienen als Lehrer und Krankenschwestern. Unser Beitrag kann sein zu fragen, weshalb
Dinge wieder aus der Mediathek verschwinden, für die ich mit meinen GEZ Gebühren bezahlt
habe, oder was genau die nackte blonde Dame mit dem Getränk, dem Kleidungsstück oder
der Schokolade, die ich kaufen soll, zu tun hat. Wir können nach der Sinnhaftigkeit und dem
Nutzen dieser Dinge fragen und was sie für eine Gesellschaft bedeuten. Unser Beitrag könnte
aber auch sein, selbst Inhalte zu produzieren, die bilden und zum Hinterfragen anregen. Vor
gar nicht all zu langer Zeit, gab es sie nämlich noch, die Kultur des Hinterfragens unter uns
Studenten.

Die Medienwissenschaft ist sicherlich nicht effizient im Sinne von Produktionsfaktoren
und Gewinnoptimierung, das heißt aber noch lange nicht, dass sie nichts nützt. Die
Medienwissenschaft, besser gesagt, die Medienwissenschaftler, können einen Beitrag
leisten, in dem sie Ratgeber und Begleiter sind in einer Welt, die immer schneller und
undurchsichtiger wird.

Ich fordere von euch allen: beobachtet, versteht und mischt euch ein! Nichts muss so bleiben
wie es ist, bloß weil es schon immer so war. Nicht jeder Fortschritt und jeder Trend sind
automatisch gut. Bildung und Medienkompetenz sind keine Selbstverständlichkeit. Und jene,
die sie geniessen, sollten sich verantwortlich fühlen, sie sinnvoll einzusetzen und zu teilen.